Mauer im Kopf

Nachfolgend meine Art, wie ich mit einer Schreibblockade umgegangen bin oder besser, wie ich die nervende Schreibblockade letztlich kreativ genutzt und in einen Text umgesetzt habe.

 

Heute ist Samstag, der 24. April 2010.

Ein ganz normaler Samstag. So wie jeder von uns ihn jede Woche erleben kann.
Es ist bereits später Vormittag.

Der Wetterbericht hat mit seiner Vorhersage unzweifelhaft Recht behalten und ausnahmsweise wirklich nicht zu viel versprochen. Tatsächlich ist es der erste wirklich warme Frühlingstag. Ein Tag, wie man ihn sich als Erholung für ein entspanntes Wochenende ohne Arbeit und Verpflichtungen nur wünschen kann.
Die wärmenden Sonnenstrahlen haben längst den leichten Dunst aufgelöst der nach der kalten Nacht anfangs noch in der Luft hing. Der Himmel besteht von Horizont zu Horizont einzig und allein aus einem strahlenden und leuchtenden Himmelblau. Nirgends ist eine Wolke zu sehen, nicht ein bisschen Grau oder Weiß.

Ganz anders … hier … im Halbdunkel am Schreibtisch … vor mir … mich fröstelt schon länger, meine Finger sind kalt geworden. Ich knete, massiere meine Hände. Ohne Erfolg. Vorhin hab ich mir den dicken Pullover wieder angezogen. Meine Füße stecken jetzt sogar in den warmen Hüttenschuhen.

Ganz anders … draußen … in der Sonne … flitzen lachende Kinder auf Inlinern herum. Überall arbeiten Menschen fröhlich in den Gärten. Viele sind auch gutgelaunt unterwegs, zu Fuß oder mit dem Fahrrad … kurzärmelige T-Shirts, frische Sommerblusen, manchmal eine leichte Weste, kaum mal eine Jacke. Alles ist bunt und farbenfroh. Die Menschen, die Natur, selbst die Häuser sehen bunt aus.

Weißes BlattGanz anders … hier … im Halbdunkel am Schreibtisch … 21 mal 29,7 cm … Weiß … nur Weiß … nichts als wirkliches Weiß … reines Weiß … auf beiden Seiten … abschreckendes Weiß … makelloses Weiß … Nein! Nicht makellos! Denn diese Reinheit, diese Jungfräulichkeit, diese Unbeflecktheit … Das ist der Makel!

Ich will es füllen … das Weiß. Will meine Gedanken, die Ideen, die in mir stecken auf dieses Weiß bringen. Ich möchte das Weiß füllen mit vielen Worten, sie zu einer guten Geschichte zusammenführen.

Aber … statt das Weiß zu füllen, fühle ich es. Fühle es als Bedrohung!

„Machtlos“   „Chancenlos“   „Gedankenlos“   „Gewissenlos“    „Glücklos“

Das fordert „das andere Blatt“ von mir. Dabei sollte das sicher gar keine Forderung sein. Lediglich eine Anregung für unsere Schreibübungen sollte es sein. Mir und auch den Anderen sollte es helfen, das in der Schreibwerkstatt Erlernte praktisch anzuwenden und in phantasievolle Texte umzusetzen.

Doch ein Blick auf „das andere Blatt“… jetzt bestimmt wohl schon der Tausendste … es ist längst zur Forderung geworden … „das andere Blatt“ blockiert mich … seine Worte greifen mich an, nehmen mich gefangen hinter einer unsichtbaren Mauer … ich bin dagegen völlig „Machtlos“ … ich sehe diese Begriffe … und … es ist … als wollten sie mich … nicht bedrohen, nein, aber mich beeinflussen, meine Gedanken steuern und lenken … als wollten diese paar Worte verhindern, dass all die schönen Ideen in meinem Kopf sich materialisieren, zum Leben erweckt werden.

Ich werde zunehmend „Gedankenlos“!

Und ich spüre nur zu deutlich, im Moment ist der Versuch, sich gegen diesen Einfluss zu wehren wirklich „Chancenlos“.

Da kommt mir ein Gedanke. Vielleicht?

Ich stärke mich mit einem frischen heißen grünen Tee und spüre, wie mein Lieblings­getränk seine anregende Wirkung entfaltet.

Ablenkung … ein weiterer Gedanke … ich erfasse ihn, schreib ihn aber nicht auf. Ich telefoniere stattdessen. Ein kurzes Telefonat mit einer guten Freundin. Hilft vielleicht.

Sie meint, ich solle mich nicht so „Gewissenlos“ selbst quälen. Bei dem Wetter müsse man doch raus, sich nicht hinter Mauern verstecken, sondern das erwachende Leben sehen, fühlen, die Energien des Frühlings spüren. Für eintönige Schreibtischarbeit und langweilige Gehirnakrobatik seien einsame Abende und dunkle Regentage da.

Doch die Gute … meine Freundin ist „Glücklos“ in ihrem Bemühen!

Auch nach diesem Telefonat … hier … im Halbdunkel am Schreibtisch … 21 mal 29,7 cm … Weiß … nur Weiß … nichts als wirkliches Weiß … reines Weiß … auf beiden Seiten … abschreckendes Weiß … makelloses Weiß …

Keine Zeile, kein Wort, kein Buchstabe unterbricht dieses makellose Weiß!

Daran muss sich etwas ändern!

Worte, solche Worte, die vom „anderen Blatt“, die können, die dürfen nicht Macht über mich haben! Dürfen nicht verhindern, dass meine Gedanken zum Leben erweckt werden!

Den Kopf in beide Hände gestützt, den Blick auf das Weiß gerichtet, sitze ich hier. Ich suche nach Möglichkeiten, nach Chancen, nach Optionen, nach Handlungs­alternativen, nach Auswegen, nach anderer Vorgehensweise, selbst nach zufälligen Eingebungen.

Vielleicht?

Ich springe auf, stürme in die Küche. Dort suche ich den kleinen Putzeimer, fülle ihn halb mit Wasser, greife mir das Schwammtuch. Ab durch die Wohnung, durch das Wohnzimmer und auf den sonnenverwöhnten Balkon! Hastig schrubbe ich den blauen Balkontisch, die blauen Stühle! All der graue Staub des dunklen Winters soll im Putzeimer verschwinden.

Voller Vorfreude betrachte ich schließlich das Ergebnis, schiebe die Stühle noch einmal zurecht, bin jedoch nicht zufrieden.

Schließlich fällt es mir ein!

Ich eile in den Keller, hole die bunten Polster, lege sie, fast feierlich, auf die Stühle. Dann breite ich eine frische Tischdecke, buntes Blumenmuster mit vielen Schmetterlingen, über dem Tisch aus. Jetzt noch Teekanne und Stövchen auf dem Tisch drapiert, meine Stifte und ein paar Blatt Papier ausgebreitet.

Ich fühle mich ganz anders als noch vor wenigen Minuten!

Ich lasse mich völlig entspannt auf einem Stuhl nieder.
Ich gieße mir genüsslich eine Tasse Tee ein.
Ich spüre die wärmende Frühlingssonne.
Ich lasse ruhig meinen Blick über die Landschaft streichen.
Ich beobachte neugierig das bunte Leben und das frohe Treiben um mich herum.

Und …

… ich schreibe!

 

 

(prämiert mit dem 2. Platz bei fza werkstattpreis 2013)